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Offener Brief des StuPa zur Internationalisierungsstrategie der TU Clausthal


Offener Brief des StuPa zur Internationalisierungsstrategie der TU Causthal
Beschlossen am 28.07.22 auf der 4. ordentlichen Sitzung

 

 

Sehr geehrtes Präsidium der TU Clausthal,

 

in längeren Debatten wurde im Studentenparlament der TU Clausthal die Internationalisierungsstrategie diskutiert. Diese bereitet der demokratischen und parlamentarischen Vertretung aller Studenten der Universität große Sorgen. Wir halten diesen Kurs für nicht zielführend. Die Internationalisierungsstrategie, welche darauf abzielt, alle Masterstudiengänge (nur) auf Englisch anzubieten und in den höheren Fachsemestern die Bachelorstudiengänge auch auf Englisch zu gestalten, sehen wir sehr kritisch.

 

Damit wird ein falscher Fokus gesetzt, welcher dem Profil der TU Clausthal und ihrer sozio- kulturellen und geographischen Struktur keine Rechnung trägt. Zwar zieht das Prestige und die Möglichkeiten zur Vertiefung an der Universität ausländische Studenten an, jedoch hat sich dies insoweit verschoben, als dass die einfache Zulassung vielfach Anziehungsgrund ist. Der Standortvorteil ist häufig von der Ausbildungsqualität zum Studentenvisum degradiert worden.

 

Schon jetzt beträgt der Ausländeranteil an der TU Clausthal über 50%. Die Jahrgänge 2014- 2017, welche noch andere Verhältnisse aufweisen, beenden demnächst ihr Studium. Damit wird der Ausländeranteil voraussichtlich nochmals stark steigen. Extrapoliert man das Engagement für studienfremde Tätigkeiten weiter, können wir von einem vollständigen Zusammenbrechen des sozialen und kulturellen Lebens an der Universität ausgehen. Die prestigeträchtige Fachschaft der Mathematik und Informatik konnte zum aktuellen Haushaltsjahr nicht besetzt werden, da sich keine (!) Bewerber fanden. Das Studentenparlament ist aktuell nur mit 13 von 17 Sitzen besetzt.

 

Das Green-Voltage Racing hat sich aufgelöst. Die beiden studentischen Kneipen, welche als Vereine geführt werden, haben massive Probleme Mitglieder zu akquirieren. Viele weitere studentische Vereine sind kurz vor der Auflösung oder haben sich schon aufgelöst. Eine Strategie, welche ausländische Studenten auf Kosten von inländischen Studenten anzieht, würde daher einen schweren Schlag für das studentische Leben und wohl auch ein Ende für viele Institutionen hier bedeuten.

 

Sollte sich die Universität als "Internationale" Universität in einer Kleinstadt ohne Bahnhof etablieren wollen, muss auch gefragt werden, welcher Standortvorteil hier existiert, was dieses Unterfangen zum Erfolg führen kann. Die Anbindung der Universität ist bescheiden. Daran würde auch ein Semesterticket nichts ändern. Clausthal-Zellerfeld liegt in einem Mittelgebirge umgeben von Wald. Selbst die umliegenden Kleinstädte verbessern das kulturelle Angebot nicht wesentlich. Die umliegenden Großstädte sind in circa zwei Stunden mit dem öffentlichen Nahverkehr zu erreichen. Das heißt der gemeine Student ist gezwungenermaßen auf die Angebote der Kleinstadt Clausthal-Zellerfeld angewiesen.


In der Bundesrepublik existieren weitere Standorte, welche ein Studium auf Englisch anbieten, an welcher ein ausländischer Student deutlich besser zu Recht kommt.

Entgegen der vermeintlichen Erkenntnis ist ein Studium in Englisch oder zum Teil in Englisch kein Standortvorteil für inländische Studenten. Der gemeine Abiturient wird heute in erheblich größerem Maße mit dem Angelsächsischen konfrontiert als noch vor 20 Jahren.

 

Noch mehr führt eher zu einer Abwehrhaltung. Zwar ist klar, dass im akademischen Betrieb an der Lingua Franca des 21. Jhd. kein Weg vorbei führt, aber diese Kompetenz wird schon jetzt implizit vorausgesetzt. Nun noch mehr als nötig zu fordern, stößt in der Generation Z nicht grade auf Gegenliebe. Zumal das Angebot auf Englisch zu studieren in der Hochschullandschaft der Bundesrepublik schon massiv ausgebaut ist und Clausthal keinen Standortvorteil bietet für diese Klientel im Vergleich zu diesen Universitäten.

Bestimmte Studiengänge an der TU werden sehr gut von ausländischen Studenten angenommen. Der Bergbau, sowie das Erdölingenieurwesen erfreuen sich großer Beliebtheit. Also die alten Kernkompetenzen der ehemaligen Bergakademie sind noch explizit gefragt.

Deutschen Bergbau auf Deutsch zu lernen hat noch einen hohen Stellenwert. Aber Abseits dessen gibt es keinen expliziten Standortvorteil mehr. Was bietet die TU an, was man nicht in Braunschweig, Hannover, Hamburg, Berlin, Aachen, Dresden oder München auch studieren könnte? Nur, dass man dafür nicht in Clausthal studieren "muss"!

Weiterhin sind die Hochschulen der Bundesrepublik nur so beliebt im EU-Ausland, da hier keine Studiengebühren erhoben werden. In Zeiten klammerer Kassen wird sich dies möglicherweise aber langfristig ändern. In Baden-Württemberg wurden Studiengebühren für EU-Ausländer unter einer Grünen Landesregierung eingeführt. In Sachsen ist es den Universitäten freigestellt. In Bayern wird dies grade geplant. Sollte es dazu auch in Niedersachsen kommen, dann wären sicherlich nicht mehr so viele EU-Ausländer daran interessiert an der TU Clausthal zu studieren.

 

Doch auch wenn die Internationalisierungsstrategie zu Erfolg führe, würde das Land Niedersachsen einen Standort finanzieren, deren Fachkräfte nur mittelbar der Bundesrepublik zugutekommen. Und welche auch wegen der Ausbildung auf Englisch eher geneigt sind, das Land zu verlassen. Insbesondere die Notwendigkeit Deutsch zu lernen, leistet einen großen Beitrag zur Integration der ausländischen Studenten. Denn mit der Kenntnis der deutschen Sprache am Ende des Studiums steigt das Interesse in Deutschland zu bleiben. Viele EU- Ausländer sind interessiert an der Entwicklung ihrer Heimatländer. Und wer könnte ihnen dies verwehren? Die strukturelle Problematik des Standorts Clausthal, welche schon der Landesrechnungshof mehrmals anmerkte, würde nur verstärkt werden.

 

Es stellt sich außerdem die Frage, wie die Bachelorstudiengänge durch die schrittweise Umstellung von Deutsch auf Englisch in höheren Fachsemestern für ausländische Studenten attraktiver werden würden. Denn so bestände weiterhin die Notwendigkeit Deutsch zu lernen, um den Veranstaltungen der ersten Semester folgen zu können. Eine ähnliche Problematik

zeigt sich auf für deutsche Studenten: wer auf englisch studieren will, möchte nicht zuerst vier Semester auf deutsch studieren und wer auf deutsch studieren will, wird durch die englischen Semester im Bachelor abgeschreckt.

 

Die Internationalisierungsstrategie muss daher notwendigerweise auch im Erfolg scheitern, da sie die gegebenen sozio-kulturellen und geographischen Faktoren aus den Augen verloren hat.

Wir sehen die Schwäche des Standorts als möglichen Vorteil. Die Universität hat in ihrem Wesen sehr etwas von einer American College Town. Dies könnte man als Vorteil nutzen. Das kleinstädtische Leben mit dem Fokus auf studentisches Leben kann auch sehr anziehend wirken. Dafür gibt es im deutschsprachigen Raum eine Klientel und eine Nische. Diese könnte man hegen und pflegen. Dies würde eben auch eine weitere Verschränkung mit den studentischen Vereinen benötigen. Eine möglichen garantierten Wohnheimplatz ähnlich einem Kolleg wäre eine Idee. Der Standort Clausthal hat Potenzial, jedoch nicht als Internationale Universität (Klein)-Dublin deutschen Formats im Harz.

Dazu müssten grade die Kleinstädtischen und Landgymnasien angesprochen werden. Das notwendige Programm ist schon in die Wege geleitet worden. Wir begrüßen dies außerordentlich. Diverse Gremien der Studentenschaft waren und sind bereit die Anstrengung finanziell und personell zu unterstützen. So eine Vernetzungsarbeit benötigt jedoch Zeit. Und grade dort ist in den letzten Jahren nicht viel passiert. Schon in der nächsten Kleinstadt ist die TU Clausthal nicht präsent. Der Schaden durch Passivität benötigt viele Jahre zur Heilung.

Zeit, welche die Universität möglicherweise nicht mehr hat.

 

Wir, das ist das Studentenparlament der TU Clausthal, die demokratische und parlamentarische Stimme aller Studenten der TU Clausthal, bitten daher nochmal die Internationalisierungsstrategie der TU Clausthal zu überdenken.

 

 

Mit freundlichen Grüßen und   Clausthaler "GlückAuf!"

 

Präsidium des Studentenparlaments

Jan H. Schwede

Philipp A. Schütze

Amir Sahari

 

 

 









Nachrichtenalter: 09.08.2022 10:55
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